Bildung spricht

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Liste Nr.1 Bildung spricht

Die Studiengänge in den so genannten Geisteswissen-schaften haben in den letzten Jahren eine sehr hohe Absolventenquote aufgewiesen. In der öffentlichen Wahrnehmung spiegelt sich jedoch eine Tatsache nicht wider: Die hohen Durchlaufzahlen kommen auf Grund eines Qualitätsverlusts zustande, über den an dieser Universität niemand reden möchte. Die Uni wird von Außen als beinahe excellent wahrgenommen und dieses in ihrer Gesamtheit. Als Studierende haben wir Verantwortung für die konstruktive Weiterentwicklung unserer Gesellschaft übernommen, werden aber in einem System ausgebildet, dessen Weiterentwicklung längst überfällig ist.

Wir möchten mit unserem Engagement darauf hinweisen, dass die erreichte Leistungsfähigkeit der geisteswissen-schaftlichen Fachbereiche nicht mehr weiter ausgebaut werden kann, wenn nicht endlich über die Qualität in der Lehre und die Überlastung der Studierenden und Lehrenden gesprochen wird. Ein besonderes Ziel von uns ist es, die an die Erziehungs- und Kulturwissenschaft adressierten Erwartungen der Bildungs- und Sozialpolitik kritisch zu reflektieren, um ein Studium zu gewährleisten, dass sich nach den Bedürfnissen der Studierenden richtet – nicht nach Sachzwängen oder der Verwertbarkeit der Studienabschlüsse. Überdies ist nach unserer Aufassung die Schonfrist verstrichen, mit der man die BA/MA Reform verteidigt hat. Wir fordern von den Verantwortlichen eine transparente öffentliche Diskussion um die Ziele und Inhalte der BA/MA Ausbildung und damit den längst überfälligen Stopp der reinen Strukturdebatte.

Mit den Kürzungen (HEP 5) wurde den Studierenden recht eindrucksvoll bewiesen, dass die chronische Finanznot des Landes jeden Funken Verstand in die Knie zwingt. Wir erleben dies täglich. Deshalb stellen wir die Frage, warum das Ungleichgewicht der Mittelverteilung und des Studienplatzangebotes sich gegen die studentische Nachfrage richtet und wir werden weiterhin die unangenehmen Fragen stellen, deren Antwort man uns bislang schuldig geblieben ist. Zudem werden wir uns weiterhin für ein kostenfreies Erststudium engagieren und sind immer noch für die Rücknahme der bislang eingeführten Gebühren für über 4000 Studierende. Wir arbeiteten derzeit mit der Unileitung an der Lösung für ein Teilzeitstudium und haben 2008 den Ausbau der Kinderbreuung für Studierende erreicht. Überdies möchten wir die StudentInnen mit Hilfe qualifizierter Einrichtungen (StugA,GSW,GEW,AStA) bei der Planung und Durchführung ihres Studiums unterstützen. Wir werden uns auf allen Ebenen für die StudentInnen und Lehrende einsetzen, die uns ihr Vertrauen schenken.

Kooperation ist uns wichtiger, als der Protest nur des Protestes wegen, dennoch werden wir diesen, wenn es notwendig ist konsequent vollziehen. ...und wir sind immer noch der Meinung, dass die Schließung von Studiengängen keine gute Arbeit ist. Wir werden gemeinsam mit allen Aktiven die verantwortlichen Bildungspolitiker auffordern, eine klare Stellungnahme zu den Kürzungsplänen abzugeben und zu begründen, warum sie die Kürzungspläne entgegen aller bildungslogischen Vernunft und entgegen aller sachlichen Kriterien beschlossen hat. Wenn das Land Bremen eine kleine hübsche Forschungsuni möchte, dann ist an dieser Stelle unser Widerstand gefordert. Schließen werden wir unser Portrait mit der Einladung zu unseren Arbeitskreisen, die sich mit Freier Bildung, Demokratischen Schulen und der kritischen Auseinadersetzung libertärer Pädagogik beschäftigen.

Wir arbeiten derzeit innerhalb und außerhalb der Uni an konkreten Alternativen für selbstbestimmtes Lernen und möchten euch dazu ermutigen, euch Freiräume zu suchen, zu erschaffen, zu erkämpfen. In diesem Sinne tut was, denn

"Nichts sieht hinterher einfacher aus, als eine verwirklichte Utopie.“

[Bildung spricht] Liste 1 Uni bewegen!


* Freiräume schaffen - selbstbestimmt Lernen!!! *

Die Strukturen der Universität lassen kaum noch Raum für unsere Bedürfnisse, Vorstellungen und Wünsche. Deshalb erheben wir den Anspruch, mit Formen selbstbestimmten Lernens zu experimentieren. Wir möchten uniweit Freiräume erschaffen und selbstorganisierte Freiräume wie die Grundschulwerkstatt erhalten. Seit Jahren veranstalten wir dazu offene Seminare und greifen darin Themen auf, die im regulären Universitätsbetrieb zu kurz kommen oder bewusst vorenthalten werden. Überdies gründen wir grad die erste Sudbury-Schule im Nordwesten, sowie ein freies Bildungsnetzwerk, um konkrete Alternativen für uns und andere Menschen zu schaffen. Es klingt bereits an, dass es dabei vor allem um zwei Aspekte geht: Das bedeutet zum einen neue Inhalte zu thematisieren - und das allein erweist sich bereits als eine schwierige Abgrenzung zum normalen Universitätsangebot. Vor allem jedoch ist die Raum-Frage für uns entscheidend: Raum bieten für Experimente, für Erfahrungen, für gegenseitiges Lernen ohne eine Aufspaltung in Lehrende-Lernende, für gemeinsames Erarbeiten statt Konkurrenz und für Dokumentationsformen die den Lernprozess selbst begleiten und forschendes Lernen fordern und fördern. Und die Erfahrung zeigt, dass es so einfach gar nicht ist, die Formen abzulegen, auf die man über Jahre hinweg trainiert worden ist. Für uns bedeutet Bildung Menschen darin zu befähigen, frei und selbstbestimmt zu leben, fähig zu sein die sie umgebende Wirklichkeit kritisch zu betrachten, an ihr teilzuhaben, sie zu verändern. Wir glauben, dass - wo immer es um Bildung geht - Menschen das Recht haben, individuell zu entscheiden, was, wo, wann und mit wem sie lernen und sie sollten gleichberechtigt an allen Entscheidungen beteilig werden. Deshalb möchten wir im kommenden Jahr unsere langen Erfahrungen im Umgang mit offenen Seminaren und dem Errichten von Lernwerkstätten über den Campus tragen. Wir wollen Projekte und Menschen darin unterstützen, sich Freiräume innerhalb und ausserhalb der bestehenden Grenzen zu erschaffen, um letztlich diese Grenzen abzubauen. In diesem Sinne: Bildet Euch, bildet Andere, bildet Banden!!!

SR und AS Wahlen: 16.-20. Juni 2008 [Bildung spricht]

  • Denkt an eure Wahlausweise!!!*


Sekundarstufe III

Willkommen in der Fabrik!

Diejenigen von uns, die die Hoffnung gehabt haben an der Uni endlich den Dingen auf den Grund gehen zu können, selbst zu bestimmen was, wo und wie Mensch lernt, dürften mittlerweile einigermaßen ernüchtert bis frustriert sein. Nichts von all dem, was man sich nach dem Abi oder Ähnlichem gedacht hat ist wahr. Flirten am Unisee? Backpacking durch Norwegen? Treffen im Viertel? Von wegen! Bei 30 Grad sitzt Mensch entweder in der Bibliothek oder seinen 14qm Freiraum und büffelt, paukt und liest – aber die gefühlten 4 Tage Semesterferien war’s immerhin trocken. Wenn nun nicht nur bloßes Pauken gefragt wäre, sondern Diskussionen erwünscht und eigenes Denken gefordert, würde vielleicht der permanente Druck nicht so belastend sein. Doch selbst auf das, was man da macht, kann man sich nicht verlassen. Reform folgt auf Reform und kaum jemand weiß, welche Prüfungsordnung denn nun grad noch aktuell ist – wenn’s denn dann überhaupt schon eine gibt. Viele Studierende wissen nicht, ob sie zum Master zugelassen werden. wie viele Plätze es in diesem System überhaupt gibt oder was denn so’n Bachelor-Abschluss auf dem Markt wert sein könnte. Und da ist dieses Wort „Markt“. Bildung ist Ware. Sämtliche Bereiche der Uni werden effizienter gestaltet und unsere Leitung versteht sich mehr und mehr als Unternehmensführer, der von vorne herein dafür zu sorgen hat, dass StudienplatzbewerberInnen ausgesiebt werden und einzelne Institute beim Wetteifern im Exzellenz-Wettbewerb um Prestige und Fördermillionen zu fördern und vor Kürzungen zu schonen hat. Und für uns sind die Studiengebühren zum Symbol des irreversiblen Umbaus von Bildung zur Ware geworden. Es geht denen um unsere Ausbildung – aber sind wir deswegen hier?

Die Reform wird trotz aller „Kinderkrankheiten“ auf unserem Rücken fortgesetzt. Es scheint niemanden zu interessieren, dass wir kein Problem mit der Selbstorganisation unseres Studiums haben, sondern mit vorgegebenen Stundenplänen, Anwesenheitslisten und der allumfassenden Konkurrenzkultur. Seit 2006 ist die Zahl der Studierenden, die sich psychologisch haben beraten lassen an unserer Uni um über 40% gestiegen ...und lasst euch nicht einreden, dass dies ein Einzelschicksal sei. In vielen Fachbereichen werfen mittlerweile sogar deutlich mehr Studierende vorzeitig das Handtuch, als noch zu Zeiten des Magisters, Diploms oder des Examens. In den Erziehungswissenschaften waren dies im Studienjahr 2006/07 nahezu 50% die vorzeitig die Notbremse zogen. Im bundesdeutschen Bildungdschungel geht es Studiereden überdies abschluss- und fächertechnisch mitterlweile beinahe wie den meisten Mobilfunkkunden – inklusive Pre-Paid-Karten. Jahrezhntelang haben Politik und Universitäten es verschlafen, sich die Fragen um die Bildung täglich neu zu stellen und nun reformieren sie alle alles auf einmal, jeder wie’s ihm grad passt und getestet wird direkt in der Nullserie am Kunden selbst. König Kunde – hierzulande merkt Mensch aber sehr deutlich, dass die Monarchie vor einiger Zeit abgeschafft wurde und es niemanden interessiert, was die ganzen KönigInnen an der Uni Bremen denn eigentlich wollen.

Guten Tag – ich will mein Leben zurück!


10 Gründe mitzumachen !!!

Wir möchten eine transparente öffentliche Diskussion um die Ziele und Inhalte der BA/MA Ausbildung und damit den längst überfälligen Stopp der reinen Strukturdebatte erreichen.

1. Lernziele

Wir brauchen über Qualitätssicherung an dieser Universität nicht zu mehr zu sprechen, wenn die Definition von Lernzielen und Studieninhalten einzig und allein das Produkt einer rein formal bildungspolitischen Auseinandersetzung sind, die die UNI als reinen Zulieferbetrieb für die Wirtschaft sieht. Zudem kann, wie es durch die Akkreditierung aber passiert, die Diskussion um Lernziele zu keinem Zeitpunkt abgeschlossen sein oder werden, da sich die gesellschaftlichen Bedingungen stetig ändern. Lehrende und Studierende müssen daher gleichberechtigt über die Fortentwicklung der Inhalte beraten.

2. Modularisierung

In der Debatte um Lernziele stellt die Modularisierung die Planenden vor eine neue Herausforderung. In der Praxis beobachten wir nun, dass bestehende Lehrveranstaltungen und damit auch die organisatorischen Zwänge aus Zeitmangel in die neue Struktur gepresst werden. Eine inhaltliche Auseinandersetzung findet in diesem Zusammenhang nicht statt. Zudem bietet die Reformstruktur den StudentInnen keine neuen Freiräume bei der Gestaltung persönlicher Studienprofile. Im Gegenteil, mit Zunahme der Pflichtveranstaltungen sind die Wahlmöglichkeiten für alle Studierenden weitestgehend verschwunden.

3. Die versprochene Interdisziplinarität

Mit der Einführung des BA Lehramt ist ein Fachwechsel innerhalb des Studiums faktisch unmöglich geworden und wird zudem dadurch erschwert, dass die Wahlmöglichkeit aufgrund des ersten Faches ohnehin stark eingeschränkt ist. Ganz nebenbei werden dann von den Fächern ungeliebte, von den StudentInnen aber gewünschte Wahl- und Kombinationsmöglichkeiten vom Akademischen Senat für beendet erklärt.

4. Arbeitsaufwand (neudeutsch: Workload)

Die Grundlage für die Bemessung muss der tatsächliche Aufwand der StudentInnen inklusive der Vor- und Nachbereitung für die Lehr- und Prüfungsveranstaltungen sein. Die bestehende Praxis an der Universität Bremen sieht so aus, dass man mit Hilfe eines festen Umrechnungsfaktors die ECTS Punkte ermittelt. Diese Praxis leistet keinen wertvollen Beitrag zur Ermittlung des tatsächlichen Arbeitsaufwandes. Sinnvolle Richtgrößen können folglich nur durch die Befragung von StudentInnen berechnet werden.

4.1 Das Märchen der VollzeitstudentInnen

VollzeitstudentInnen sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme! Der Arbeitsaufwand von 45 Arbeitswochen mit á 40 Stunden somit vollkommen unrealistisch. Wir fordern eine sofortige Lösung für ein Teilzeitstudium an dieser Universität, in einem Rahmen, der mit Kind und/oder Job von den StudentInnen bewältigt werden kann. Da das Überziehen der Regelstudienzeit inzwischen massiv geahndet wird, führt dieses zu einer tatsächlichen Verschlechterung der Studienbedingungen für BA StudentInnen.

4.2 Prüfungen

Die Universität Bremen ist mit der Einführung des BAs prüfungsorientiert ausgerichtet worden. Zudem kursiert in den Köpfen der Verantwortlichen die Vorstellung, dass Prüfungen generell mit dem Testen expliziten Wissens abzufragen sei. Wir fordern daher Prüfungen zu entwickeln, die nicht schematisch das Ergebnis des Lernprozesses prüfen, sondern den Lernprozess selbst begleiten und forschendes Lernen fordern und fördern.

5. Arbeitsmarktorientierung

Es kann und darf nicht das Ziel einer Universität sein, StudentInnen ausschließlich für die bestehende Arbeitswelt zu qualifizieren. Universitäten sind der Ort, an dem die gesellschaftlichen Probleme erforscht und Grundlagen für dessen Weiterentwicklung entstehen sollten. Die Einführung des BAs im Lehramtsstudium degradiert die Universität zu einem reinen Zuliefererbetrieb für wirtschaftliche Forderungen. Wir sind der Auffassung, dass eine Kritik der beruflichen und gesellschaftlichen Praxis der Kern der universitären Ausbildung ist und dass eine so verstandene Praxisorientierung nicht durch eine „Entakademisierung“ erreicht wird, wie wir sie im BA Studium vorfinden.

6. Permanente Leistungskonkurrenz

Wissen ist ohne den Austausch mit anderen weder herstellbar noch weiterzuentwickeln. Diese Erkenntnis wird durch eine Zulassungsbeschränkung des MA und damit der installierten Leistungskonkurrenz während des ganzen BA Studiums praktisch ad absurdum geführt. Wenn StudentInnen ein strukturelles Interesse daran haben, selbst am meisten zu wissen, wird der notwendige Austausch folglich systematisch verhindert. Überdies sind die folgen für die zukünftigen LehrerInnen besonders fatal. Wie nämlich sollen diese Studierenden später einmal einen emazipatorischen Anspruch an Schule und Bildung erheben, wenn sie in ihrer Ausbildung so etwas nie kennengelernt haben.

7. Zweiteilung

Die Richtlinie des §9 Abs. 2 des HRG hat für das Lehramtsstudium massive Konsequenzen. In ihr wird festgelegt, dass der BA der erste berufsqualifizierende und zugleich Regelabschluss eines Studiums sein soll. Faktisch ausgehebelt wird diese Richtlinie durch die Umsetzung der Universität Bremen, die explizit darauf verweist, dass der BA Fabiwi Abschluss nicht für das Lehramt an öffentlichen Schulen qualifiziert. Verschlimmert wird das Problem überdies noch durch den am 28.02.2007 von der KMK eingeführten BA of Education, der nach der Bachelorarbeit zum Referendariat an öffentlichen Schulen qualifiziert und ein MA of Education nur noch für den gehobenen Dienst notwendig ist. Eine Zweiteilung des Studiums macht zudem nur dann Sinn, wenn die Zugangsschwelle zu einem ersten Abschluss deutlich gesenkt wird. Das Gegenteil ist an der Universität Bremen der Fall. Bessere Betreuungssituationen werden hier durch den massiven Abbau an Studienplätzen erreicht. Zudem werden durch zusätzliche Selektionshürden die Potentiale dieses Bildungsweges konterkariert. Wir fordern folglich den uneingeschränkten Zugang zum MA für alle LehramtsStudentInnen und die Abschaffung der Zugangs- und Zulassungsvoraussetzung zum Bachelor.

8. Konsekutiv / nicht konsekutiv

Ganz abgesehen davon, dass die Einteilung von konsekutiven- und nicht konsekutiven Studiengängen sich häufig nicht nach sachlichen Kriterien richtet, hat sie im Bereich der BA Ausbildung massive Folgen. Im Zusammenhang mit der Weiterfinanzierunng des Studiums und der aktuellen Studiengebührenreglungen schließt die Strukturvorgabe systematisch einen Großteil der StudentInnen vom Zugang zum Master aus. Der Master ist dann nämlich das Zweitstudium. Wir lehnen überdies die Auslagerung von MA Studiengängen in privatrechtlich organisierte Bildungsinstitutionen ausdrücklich ab und fordern die Sicherstellung der Ausbildungsförderung nach BaföG für alle StudentInnen, sowie die Unentgeltlichkeit dieses Aufbaustudiums.

9. Abschlüsse

Die Abschlüsse der FH und Universität sind grundsätzlich gleichzustellen, da die Unterscheidung nach forschungsbezogenen und anwedungsbezogenen Masterstudiengängen irreführend ist. Zudem fordern wir ein Promotionsrecht für alle StudentInnen der FH und Universität.

10. Akkreditierung

Die Akkreditierungsvorgaben haben bislang keine neuen Spielräume eröffnet. Die Fachbereiche erliegen im Gegenteil einem enormen Konfirmitätszwang, weil es zu viele unbekannte und willkürliche Faktoren innerhalb des Akkreditierungssystems gibt. Der Mut, von Konzepten bereits akkreditierter Studiengänge abzuweichen fällt entsprechend gering aus und lässt die Frage offen, ob man diesen Vorgang tatsächlich als eine Reform in Sinne eines entwicklungslogischen Fortschrittes bezeichnen kann.


Warum Bildung längst schon Ware ist

„Bildung ist keine Ware!“ schallt es spätestens seit der Einführung von allgemeinen Studiengebühren auf vielen Demonstrationen von Studierenden. Ich möchte an dieser Stelle kurz auf die Symbolik dieses Spruches eingehen, weil allen Beteiligten klar sein dürfte, dass Bildung längst schon Ware ist. Alle Bildungseinrichtungen, die Universität eingeschlossen, verpflichten die Gesellschaft darauf, ihre Lehrpläne und Lernziele zu konsumieren. Zusammengesetzte Bündel von Wissen, die nach dem gleichen Verfahren wie alle anderen Handelsgüter hergestellt, vermarktet und strukturiert werden. Für die meisten dieser Institutionen beginnt die Produktion von Bildung mit angeblicher Forschungsarbeit, aufgrund derer die Verantwortlichen für Bildung dann marktgerecht ableiteten, welchen Bedarf es gibt, welche Werkzeuge eingesetzt werden müssen und vor allen Dingen was und wie viel Bildung mensch braucht. Es wird im Rahmen der vorgegebenen Budgets am Fließband produziert und alles innerhalb der eigens dafür geschaffenen Grenzen. Die Produzenten liefern nun das fertige Endprodukt an die SchülerInnen und Studierenden, dessen Reaktion wird wiederum sorgfältig beobachtet, so dass die Forschungsdaten für die nächsten Runde des Kreislaufs gesichert sind.

Das Ergebnis dieser Forschung sieht wie jede andere Ware aus, die an der Stange hängt oder in den Supermärkten hundertfach im Regal liegt. Es ist ein Bündel von vorgegebenen Zielen, ein Paket mit fix und fertig geregelten Werten, eine Ware, deren Attraktivität den Absatz an eine große Zahl von Verbrauchern garantieren soll, um letztlich die hohen Produktionskosten zu legitimieren. Die Verbraucher werden dann in den Institutionen selbst, sinnvollerweise darauf geschult, ihre Wünsche dem bereits vorliegenden Ergebnissen anzupassen. Auf diese Weise erreicht man, dass sie SchülerInnen und StudentInnen schuldig fühlen, sobald sie nicht entsprechend der Voraussage der Verbraucherforschung verhalten, nach der es ihnen eingetrichtert worden ist, durch den Erwerb von Zeugnissen und Prognosen in diejenige Berufsklasse zu gelangen, die zu erwarten, diese Gesellschaft sie gelehrt hat. Die Verantwortlichen für Bildung können die Produktion kostenintensiver Curricula aufgrund ihrer eigenen Forschung rechtfertigen, nach der Lernschwierigkeiten im gleichen Verhältnis wie die Kosten des Curriculums zunehmen. Ein Schelm ist, wer böses dabei denkt. Interessant ist, dass diese Gleichung dem Parkinsonschen Marktgesetzt entspricht, demzufolge die Arbeit entsprechend den zu ihrer Bewältigung benötigten Mitteln zunimmt. Jeder Lehrende, jede Lehrende wird diese Theorie ohne weiteres mit praktischen Beispielen belegen können, denn tatsächlich verdoppeln SchülerInnen und Studierende ihren Widerstand, wenn sie sich umfassender manipuliert fühlen. Dieser Widerstand liegt somit in der Vorstellung begründet, dass das Urteil einer Person entscheiden soll, was und wann eine andere Person lernen muss.

Eine objektive Verlogenheit des Marktes lehrt uns nun, dass selbst wenn die Pro-Kopf-Kosten für Bildung steigen, die Lernerträge aber rückläufig sind, sich der Marktwert der „Gebildeten“ erhöht. Um jeden Preis treiben deshalb die Verantwortlichen für Bildung die SchülerInnen und Studierenden hinauf zum Level des konkurrienden Konsums. Erziehung und Bildung wird jetzt nach Schulstunden berechnet und die verschiedenen Verfahren hierfür sind irreversibel und rechtfertigen sich, so wie im Fall der ECTS, notfalls selbst. Nach wirtschaftlichen Maßstäben wird das Land so immer reicher und nach den Maßstäben der Bildungsinstitutionen immer gebildeter. Alle Bildungsprogramme basieren somit auf dem Fluss von Unterweisungen, die aber den Beteiligten niemals Spass bereitet, noch etwa zur Zufriedenheit beiträgt etwas zu wissen. Jedes abgepackte Thema wird mit der Vorgabe versehen, dass dieses Angebot an Bildung zu konsumieren ist und der Inhalt des Vorjahres ist für Verbraucher von diesem Jahr bereits überholt und somit entwertet.

Dieses Wachstum aber, das man als endlosen Konsum und immerwährenden Fortschritt begreift, kann niemals zur emanzipatorischen und freien Bildung führen.


Was ist Bildung?

Die Idee und Verwirklichung der Universität ist in Deutschland bereits 200 Jahre alt, doch kaum jemand will heutzutage noch etwas davon wissen, wie revolutionär die Vorstellungen von beispielsweise Wilhelm von Humboldt heute noch oder besser gesagt, heute erst sind. „Die Universität sollte eine freie Stätte der Erkenntnis und sie sollte in allen Bereichen der Wahrheit und moralisch wenigstens den Rechten der Menschen verpflichtet sein“. Von kaum etwas ist die Universität heute weiter entfernt, als von der Verwirklichung dieses Anspruches. Bekanntlich ist genau dieses das Argument, welches besagt, dass diese Konzepte idealistisch, veraltet und an der Realität gescheitert seien. Doch wenn Hoffnungen und Theorien an der Realität scheitern, liegt dieses nicht zwangsläufig immer an der Qualität der Theorie. Es wird uns Studierenden immer deutlicher, dass es in dem Bildungssystem um Kontrolle und Beherrschung geht. Und folgender Satz aus den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz mag dies veranschaulichen: „Lernprozesse zur Erreichung operationalisierter Lernziele nach einheitlichen Lern- und Kontrollverfahren zur Optimierung des Ausbildungsstandards und der Absolventenquote“ – das klingt nicht nur wie Strafe, das könnte auch eine sein. „Sie sind nicht hier um zu denken!“, bekommen wir in beinahe jeder der verpflichtenden Einführungsveranstaltungen gesagt und damit mensch das „Nicht-Denken“ leichter fällt, wird es in Tutorien angeleitet und aus Studiengebühren finanziert. Mit derartigen Sätzen oder der Austreibung der Kritik aus den meisten unserer Veranstaltungen, wird der Geist aus der Wissenschaft verabschiedet und uns werden vorausgesetzte Gegebenheiten geliefert, die wir zu reproduzieren haben. Repressiv im ideologischen Apparat der heutigen Wissenschaft ist dann vor allen Dingen das, was sich selbst als Standards oder Curricula begreift, weil genau diese Verschulung unseren freien Umgang mit den Erkenntnissen fürchtet. Und Alle, die sich vor der Kontrolle zur eigenen Selbstbeschränkung errichteten Norm nicht verbeugen wollen, gelten als Bedrohung des erreichten „Niveaus“. Wenn die Verantwortlichen für Bildung also unsere Kritiken an den heutigen Zuständen als unwissenschaftlich denunzieren, dann schließt ihre Behauptung eine doppelt subjektive Verlogenheit ein: erstens in der Sache an sich und zweitens, weil sich diese curricular verordneten Ziele für wahr halten. Jede bedeutende Erkenntnis der Vergangenheit setzte aber die Verletzung und Kritik der Normen voraus, die das Denken im Bestehenden fesseln wollte. Es ist klar, dass eine Zensur in jeglicher Form, die Reflexionsfähigkeit der Wissenschaft behindert, indem sie Denkverbote einrichtet und freiheitsfürchtend einschränkt. Und wenn ich einmal die Akkreditierung des Studienganges Fachbezogene Bildungswissenschaften (Lehramt) als Beispiel anführen darf, führt diese Zensur nicht selten zu einer vorbeugenden Selbstzensur bei Lehrenden und Studierenden. Dass Bildung, deren Gegenstand die Freiheit und deren Weg die Befreiung ist, sich unter diesen institutionell gegebenen Umständen vor allen Dingen als Widerspruch ereignet, ist ihre Begrenzung und unsere Chance zugleich. Begriffe wie, Praxisrelevanz, Regionalbezug, Wissenschaftstransfer, Auftragsforschung, Anwendungsorientierung, Klientel, Zielgruppe, Abnehmer, haben derzeit in den Diskussionen um Bildung Konjunktur. Sie verweisen allesamt auf die nur noch eingeschränkte Funktionalität von Universität. Doch der Umbau zum reinen Service Betrieb und dieses muss man fairer Weise sagen, ist der Universität keineswegs nur von außen zugemutet worden, wurde von außen kräftig und im Grunde genommen immer am Rande der Legalität vorangetrieben. Es ist uns seit HEP5 ja schließlich nur all zu bekannt, welche Druckmittel Behörden und mächtigen Interessen zur Verfügung stehen, um vorauseilenden Gehorsam im Inneren der Institutionen für Bildung herzustellen. Ein vorläufiges Ergebnis der so oft in der Argumentation angeführten Praxisbezüge besteht zumindest darin, dass die Verantwortlichen für Bildung sich fragwürdigen Zwecken opfern, das Studium verschulen und die Studierenden ausschließlich zu brauchbaren Berufsanfängern machen wollen. (Was ihnen übrigens nicht einmal gelingt.) Verteidigen müssen sich auf der anderen Seite mittlerweile diejenigen, die ihre Gegenstände, Fragen und Methoden in der Suche nach Erkenntnis frei bestimmen wollen. Verteidigen müssen sich alle, die der kritischen Reflexion der Zustände, zu denen auch der Universitätsbetrieb gehört, und die der Freiheit der Studierenden Raum geben, also einen emanzipatorischen Anspruch dieser Einrichtung einlösen wollen. Wie sollen wissenschaftlich-pädagogische Dialoge zwischen jüngeren und älteren Studierenden stattfinden, wenn sie und die Veranstaltung radikal in die sie hineingezwungen werden, fast jahrgangsklassenmässig in Module getrennt werden? Ganz absurd ist diese Teilung im Bachelor und Master Lehrerbildung, in der doch grade der Umgang mit Alters- und Wissensdifferenz als pädagogische Fähigkeit sogar für den Beruf selbst erlernt werden soll. Viele von uns stellen sich die folgenden Fragen und andere verdrängen diese in der Hoffnung, dass sie auf ihr eigenes Studium konzentrieren können. Der emanzipatorische Anspruch, den ich eingangs für die Bildung erwähnt habe, ist es aber wert, für die Antworten auf Fragen einzutreten. Wie sollen unabdingbare fachübergreifende Studien gefördert werden, wenn Studierende und Lehrende in verfachschulten Studiengängen per Studienordnung bevormundet werden? Was geschieht mit der Freiheit von Forschung und Lehre? Wie sollen Erkenntnis, Interesse, Phantasie und Zusammenarbeit gefördert werden, wenn das Wahrheitskriterium und all unsere Fragen der Prüfungsrelevanz geopfert werden? Wenn Studierende als Einzelkämpfer um Zensuren zur Gleichgültigkeit gegenüber den Inhalten erzogen werden? Wem nützt diese Behinderung wissenschaftlicher Leistungen? Was für ein heimlicher Lehrplan wird hier für uns inszeniert? Wissen die Regieführenden wirklich noch, was sie tun? Viele von uns begreifen Studium als gemeinsam forschende Arbeit derer, die sich um Erkenntnis bemühen. Doch forschendes Lernen braucht Luft und Freiheit. Wer glaubt den Weg des Studiums durch gängelnde Schulung ersetzen oder durch kontrolleurhafte Zensur verbessern zu können, hat von Pädagogik keine Ahnung und verdrängt was Bildung bedeutet. Von Erkenntnis und Bildung reden wir im gesamten Bildungssystem schon lange nicht mehr. Stattdessen behaupten die Verantwortlichen für Bildung zu wissen, vom wem und wozu Wissenschaft zu betreiben und wie sie zu vermitteln ist. Sie wollen uns sagen, was Studierende brauchen, was sie zu lernen haben, welche Veranstaltungen sie belegen müssen, und welche Themen und Ansichten für uns wichtig sind. Und mit den entsprechenden Prüfungsordnungen, Studienregelungen und Stellenbesetzungen schützen sie sich vor der Infragestellung ihrer autoritären Positionen. Vertrauen ist nett, Kontrolle ist besser. In diesem Sinne wird das Studium im wohlverstandenen Interesse des Allgemeinwohls fürsorglich verschult und verplant. Was diese Sabotage an der Bildung bedeutet, bedarf hier wohl keiner näheren Erläuterung. Doch zu allem Überfluss beklagen die Verplaner unseres Studiums nicht selten auch noch die mangelnde Selbstständigkeit, Eigeninitiative oder gar Phantasie der Studierenden, ohne zu erkennen in welch ungeheurem Ausmaß sie selbst es sind, die diese Fähigkeiten behindern. Erkenntnis und Bildung können nur gelingen, wenn die Misstrauenserklärungen gegenüber uns Studierenden durch organisierte Bevormundung und jegliche Form der Erziehung unterbleibt. Denn nur wenn wir uns unsere Inhalte selbst wählen können, wenn die unzensierte Auseinandersetzung um die Inhalte in eigenwilligen, auch künstlerischen Ausdrucksformen zum Ausdruck kommt, kann in dieser Institution ein Klima geschaffen werden, in dem Bildung und Lernen stattfinden kann.

Es geht hier um nicht weniger als um die Freiheit der Bildung, die Freiheit der Wissenschaft und Kunst. Wir fordern von den Verantwortlichen für Bildung, allen, die lernen wollen, zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens Zugang zu den vorhandenen Möglichkeiten zu gewähren; allen, die ihr Wissen mit anderen teilen wollen, Vollmacht zu geben, diejenigen zu finden, die von ihnen lernen wollen; allen, die der Öffentlichkeit ein Problem vorlegen wollen, die Gelegenheit zu schaffen, ihre Sache vorzutragen und sich letztlich für die Abschaffung der so genannten „Regelschule“ zugunsten eines Netzwerkes, geselliger und kommunikativer Einrichtungen einzusetzen, die sich nach den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen in dieser Gesellschaft ausrichtet.